this post was submitted on 25 Jan 2026
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Content Warnings:Sekten-Indoktrination, erzwungenes Crossdressing, Dissoziation, Sucht und passive Suizidalität

Disclaimer:

Hallo zusammen!

Heute morgen dachte ich mir, ich setze mich hin, reflektiere ein wenig und habe nachher vielleicht einen kleinen Text zum teilen. Heraus kam ein Fluss an Worten, die gerade einmal die ersten Rahmenbedingungen umfassen. Ich weiß nicht, was das hier wird. Vielleicht ist es der einzige Post, den ich dazu machen möchte, vielleicht sind es die ersten veröffentlichten Drafts meiner zukünftigen Autobiographie. Keine Versprechungen.

PS: An unsere lieben Moderatys: Falls euch das zu heiß ist, das verstehe ich. Dann suche ich mir einen anderen Ort dafür.

PPS: Hier und heute bin ich mental so stabil wie nie zuvor, es besteht kein Grund zur Sorge.

Es war so Mitte der 90er, da war ich ein sehr glückliches Kind. Kaum Bewusstsein, keine Sorgen, kein Geschlecht - einfach nur unbekümmert und frei. Doch das würde nicht so bleiben. Als ich etwa 2 war, sind meine Eltern in ihrer Orientierungslosigkeit den Zeugen Jehovas in die Fänge geraten. Es gab ihnen eine völlig neue Stabilität und Sicherheit, die sie bitter benötigten, nach ihrer lebenslangen Suche. Sie fühlten sich endlich angekommen - aber meinen Brüdern und mir würde die Indoktrination die Köpfe zerschießen.

Irgendwann fing es an mit der Erwartung, dass ich mich doch bitte für das Kichenpendant der Zeugen passender anziehen soll: Hemd, Hose, Krawatte und Jacke. Es hat mich in den Wahnsinn getrieben. Irgendetwas daran hat sich einfach nur völlig falsch angefühlt. Nach unzähligen Streits hatte die Authorität gewonnen, von da an quälte ich mich in Hemd und Hose. Und ich habe es gehasst, jede einzelne Sekunde. Bis heute kann ich keine Anzüge tragen.

Die Indoktrination war bereits in vollem Gange. Ein unbefleckter Verstand, der gerade erwacht und 5h pro Woche mit fanatistischer scheiße berieselt wird. Bevor ich wusste, was ich wollte, wusste ich, was Gott von mir will.

Was ich damals schon niemandem erzählte, weil ich Angst hatte, war, dass ich eifersüchtig war. Unvorstellbar eifersüchtig auf die Modepalette, an der sich Frauen bedienen durften. All die schönen Röcke, wundervollen Kleider und eine unendliche Vielfalt an Tops. Aber nicht für mich, ich bin Thomas, ich sollte ein Mann werden. Und Männer durften nicht sein, wie sie wollen, Männer müssen männlich sein. Männer wollen männlich sein. Für die nächsten ~25 Jahre würde ich diese Lüge akzeptieren und versuchen dieser Erwartung zu entsprechen. Jahre voller Sucht, Depression und Dissoziation.

Das Mädchen in mir musste weg. Ich versteckte sie, irgendwo in den Abgründen unseres Herzens, schloss ich sie weg, hinter einer massiven Mauer. Sie musste vor der Welt beschützt werden und ich wusste nicht wie, es war die einzige Möglichkeit. Waren es die Zeugen, Gott oder meine Eltern, die mich dazu gezwungen haben? Ich weiß es nicht, es war ein Brei in meinem Kopf aus Authorität. Alles was ich wusste, war, dass für sie kein Platz ist.

Was übrig blieb, war eine lose Verbindung, ein endloser Strom an Emotionen, die ich nicht mehr verstehen konnte. Damit war ich überfordert und stürzte mich in meine erste große Liebe, die erste große Sucht, die einzige Sucht: Realitätsflucht. Es begann mit Geschichten & Zockerei, in der Pubertät kam die Fresserei, mit 17 die Kifferei. Bis heute sind meine Lieblingsgeschichten diejenigen, in denen Protagonisten der furchtbaren Realität entfliehen, Harry Potter, Matrix, Shutter Island oder mein Lieblingsfilm, Pan’s Labyrinth.

Irgendwie gelang es mir, für die Authorität zu funktionieren, so einigermaßen, meist gerade so, um größerem Ärger zu entgehen. Eine zeitlang versuchte ich ein guter kleiner Zeuge Jehovas zu werden. Das war schließlich das einzig Wichtige. Es war das, was mich vor dem nahenden Weltuntergang schützen sollte. Es war egal, was ich wollte, was zählt ist, was Gott will und Gott will, dass ich ein braves, kleines, identitätsloses Schaf bin, dass bloß keine falschen Fragen stellt. Das war die Wahrheit^TM^ und nichts als die Wahrheit^TM^, mit der ich groß wurde. Alles andere ist irrelevant.

Versprechungen von einem Gefühl der Erfüllung, wenn ich ein guter, kleiner Zeuge wäre, stellten sich als Nullnummern heraus. Ich gab mein bestes, doch es führte nur zu mehr und mehr Schmerz, den ich nicht verstand. Es war mit 11, 12 oder vielleicht 13, die frühe Phase der Pubertät, da wurde mir klar, dass ich da raus muss. Denn ich habe mich durch und durch schrecklich gefühlt. Meine älteren Brüder haben es mir vorgemacht, meine Schwester hat es nicht raus geschafft. Aber hat es das einfacher gemacht?

Ich entschied mich für den Tod. Das war meine Entscheidung, das ist die Wahl vor du stehst, wenn du Zeuge Jehovas bist und raus musst. Denn ich kannte die Wahrheit^TM^ und wer die Wahrheit^TM^ kennt und sich gegen Jehova entscheidet, wird garantiert getötet werden, in Harmageddon, das unmittelbar bevor steht.

Vielleicht morgen, vielleicht übermorgen. Vielleicht nächste Woche, oder maximal ein Monat? Also auf jeden Fall sehr, sehr, sehr, sehr bald. Wir sind schon fast da, fuck, wir warten sehnsüchtigst darauf, dass Jesus kommt und die Bösen^TM^ ausrottet und die Welt uns Guten^TM^ gehört. Was für ein toller, liebervoller Vater Jehova doch ist <3. "The final part of the last days of the final part of the final part before the last day of last days!" - ein Zitat. aus deren noch recht neuem BibelTV vor ein paar Jahren.

Oder es passiert halt nie, weil das alles ein Riesenhaufen gequirlter, inkonsistenter und unlogischer scheiße ist. Aber das wusste ich damals natürlich nicht. Ich wählte den Tod, denn das war mir lieber, als für die Ewigkeit in diesen qualvollen Gefühlen zu verweilen.

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[–] gandalf_der_12te@feddit.org 1 points 12 hours ago* (last edited 12 hours ago)

gute Idee, so sieht es jeder aber es bleibt trotzdem sauber eingeordnet